Fallbeispiel

Sie hatten einen angefüllten Tag mit einem sehr straffen Programm und werden Abends von Ihrem Partner/in gefragt, warum Sie nicht noch etwas nettes zum Abendessen gekauft haben. Er/sie ist bereits seit zwei Stunden zuhause, hat eine Flasche Wein mitgebracht, aber nichts zu essen.

Sie sind sauer, weil Sie Ihre Situation morgens ausgiebigst besprochen hatten und Sie diese Äußerung verletzt. Sie sorgen sich um Ihre Beziehung, da Sie den Eindruck haben, dass sich solche Situationen in letzter Zeit häufen und Sie Angst haben, die Beziehung könnte nicht mehr tragen.

Es kommt zu einem lautstarken unschönen Streit, der Abend ist gelaufen, sie reden nicht miteinander, gehen einander aus dem Weg.

Als Sie später im Bett liegen, weicht ihre Wut Niedergeschlagenheit und Sie fragen sich, wie es soweit kommen konnte, zumal sie zum „Italiener“ nebenan hätten gehen können. Sie fragen sich warum sich solche Situationen so oft auf diese Weise entwickeln.

Sie haben immer wieder Probleme mit Ihrem Teenager weil er/sie soviel am „Handy hängt“ und Sie dieses Verhalten immer wieder erfolglos kritisieren.

Sie sind hinundhergerissen, weil Sie sehr besorgt sind, Angst vor schulischem Versagen, der Zukunft haben, zugleich frustriert und verletzt, weil Sie so vieles für ihn/sie tun, sich bemühen ein gutes Beispiel vorzuleben und sich pädagogisch wertvoll zu verhalten. 

Dabei möchten Sie Fehler auf jeden Fall vermeiden und sind verzweifelt bemüht nicht zu den „Helikopter-Eltern“ zu gehören, die Alles und Jedes für ihr Kind regeln und es ständig bevormunden. Dabei fühlen Sie sich zum Teil hoffnungslos überfordert, möchten Ihrem Erziehungsauftrag verantwortungsvoll nachkommen und schwanken zwischen „Kontrollwahn“ und „dann mach, was du willst!“.

  • das Beispiel lässt sich übrigens hervorragend auf besorgte „Kinder“ bezüglich ihrer immer gebrechlich werdenden Eltern, die Sie als beratungsresistent wahrnehmen, abwandeln –

Es kommt zu einer lauten Auseinandersetzung in deren Verlauf Ihr Kind verbal ausfällig wird, was Sie dazu veranlasst ihm/ihr die bittersten Vorwürfe zu machen.

Er/sie verlässt daraufhin das Haus türenschlagend.

Sie fragen sich WAS eigentlich genau passiert ist und fragen sich, wie Sie solche schlimmen Auseinandersetzungen wohl vermeiden könnten, um Ihr Gegenüber argumentativ und liebevoll zu erreichen.

Vielleicht stehen Sie auch „nur“ in der Schlange an der Kasse im Supermarkt oder im Stau, sie haben einen unangenehmen Gesprächstermin oder einen Zahnarztbesuch vor sich usw usw. Sie überlegen was alles passieren wird, wenn Sie zu spät kommen mit allen, aber auch WIRKLICH ALLEN möglichen Konsequenzen.

 „Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum wohnt unsere Kraft, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegt unser Wachstum und unsere Freiheit“

(Viktor Frankl, Neurologe und Psychiater)

Es gibt einen Punkt, einen kurzen Moment, zwischen dem Impuls, dem Stimulus, dem Auslöser also den es zu erkennen gilt. Genau dieser klitzekleine Moment gibt mir die Freiheit zu entscheiden, wie ich reagieren möchte. Das ist sozusagen der „Notaus“ der Situation, der Sie in die Lage versetzt Ihr gewohntes Verhaltensmuster zu unterbrechen.

Diese Achtsamkeit kann man lernen. Es empfiehlt sich jedoch dringend sie „trocken“ zu üben, dh. sich eine Situation mit einer geringeren Herausforderung, vorzustellen und daran sozusagen zu trainieren.

Man fängt also mit einer Irritation an und übt damit in einem geführten Aufmerksamkeits-Training. Dabei lernt man, unter Zuhilfenahme seines Atems, seine Gefühle ohne Bewertung wahrzunehmen.

Ziel ist es dabei diese Fertigkeit soweit zu verfeinern, dass sie Ihnen auch in der konkreten Alltagssituation zugänglich ist. 

„E B E N“

  • Erknennen – des Reizes, der Irritation
  • Benennen – der Emotion, des Körpergefühls
  • Einatmen – Annahme ohne Bewertung
  • Nicht identifizieren, keine Kommentare
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